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Teil 2: Psychotherapie bei Vielfalt - wenn Diversity krank macht

  • 3. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Aug.


Die Erfindung der Mehrheit?


Kann ein Diskurs, der Menschen beschützen will, selbst zur Quelle von Druck werden?

Diversity steht aus unserer Sicht nicht in Frage. Aber. Stellen wir im gegenwärtigen Diversity & Inclusion-Diskurs auch noch die richtigen Fragen?


Diversity sollte ursprünglich Wahrnehmungsordnungen sichtbar machen. Heute ist Diversity vielfach selbst zur bloßen Order geworden. Keineswegs neutral. Es wird klar entschieden, wer als divers gilt. Wer als privilegiert. Wer als betroffen gilt. Wer sprechen darf. Und wer besser zuhören soll. Wer als Teil des Problems und wer als Teil der Lösung gilt.


Wir berühren hier den Punkt, der für eine psychotherapeutische Betrachtung interessant wird. Menschen leben nicht nur in objektiven sozialen Verhältnissen. Sie leben in wahrgenommenen sozialen Feldern. Alle Menschen erleben Zugehörigkeit und Ausschluss. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Macht oder Ohnmacht. Fühlen sich dabei. Oder wie jemand, der oder die sich ständig erklären muss. Oder von Ausschluss massiv bedroht wird. Wir entwickeln laufend Vorstellungen darüber, wer wir selbst sind und wer die anderen. Bei den anderen wissen wir das oft erstaunlich gut.


Wer ist denn eigentlich „divers“? Die Antwort scheint auf den ersten Blick einfach: divers sind immer die anderen. Menschen mit Behinderungen. Menschen mit Migrationsgeschichte. Frauen in Führungspositionen. Lesben, Schwule, bisexuelle, transidente oder intergeschlechtliche Menschen. Ältere Arbeitnehmer*innen. UvM.


Was aber sehen wir bei genauerer Betrachtung? Vielfalt wird häufig denjenigen zugeschrieben, die von einer vermeintlichen Norm abweichen. Die sogenannte Mehrheit selbst bleibt hingegen ungreifbar. Sie erscheint als selbstverständlich, neutral oder gar als Maßstab, von dem aus Unterschiedlichkeit beschrieben wird.


Aus gestalttheoretischer Sicht ist diese Figur-Grund-Dynamik bemerkenswert. Nicht die Vielfalt bildet die Figur, sondern die Abweichung von einer als selbstverständlich gedachten Ordnung. Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft bildet den Hintergrund, vor dem die „Diversität“ überhaupt erst sichtbar wird.


Wer ist diese Mehrheit? Dürfen zwischen zwei Männern größere Unterschiede bestehen als zwischen einem Mann und einer Frau? Zwei heterosexuelle Menschen können sich hinsichtlich ihrer Werte, Bildung, sozialen Herkunft, Religiosität oder politischen Überzeugungen stärker unterscheiden als zwei Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung? Geht das? Auch innerhalb der Fiktion der Mehrheit existiert eine kaum überschaubare Vielfalt an Biografien, Erfahrungen, Körpern, Fähigkeiten und Lebensentwürfen. Gängige Unterscheidungen zwischen Mehrheit und Minderheit beschreiben zunächst soziale und psychologische Bedeutungen – nicht aber die Vielfalt der Menschen als solches.


Aus psychotherapeutischer Perspektive eröffnet sich damit eine interessante Frage: Was geschieht mit Menschen, wenn die Vielfalt ausschließlich den anderen zugeschrieben wird? Und gleichzeitig Angst vor dem "zu" Anders-sein besteht? In aller Unverwechselbarkeit.


Identität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zuschreibung. Wer ausschließlich als Angehörige oder Angehöriger einer Minderheit gesehen wird, erlebt häufig eine Reduktion auf einzelne Merkmale. Wer sich dagegen selbstverständlich der Mehrheit zurechnet, bleibt oft von der Erfahrung verschont, über die eigene Position nachdenken zu müssen. Begriffe wie Privileg, Benachteiligung oder Betroffenheit beschreiben zunächst nur soziale Konstellationen. Sie ersetzen aber nicht die individuelle Begegnung mit einer konkreten Person. Sobald moralische Zuschreibungen an die Stelle der Wahrnehmung treten, besteht die Gefahr, dass Kategorien wichtiger werden als Menschen. Wir alle wünschten uns da gegenwärtig wohl gern mehr Übersicht.


Eine zentrale Herausforderung der psychotherapeutischen Auseinandersetzung mit der Vielfalt besteht zukünftig darin, den eigenen Blick zu erweitern. Mitnichten sind nur Minderheiten „die Vielfältigen“. Vielfalt ist eine Eigenschaft des menschlichen Lebens selbst. Vielfalt ist eine zutiefst menschliche Erfahrung.


Und womöglich eine der zentralen Sackgassen des gegenwärtigen Diversity-Diskurses. Aus der Beschreibung von Unterschiedlichkeit wurden Schablonen sozialer Beziehungen. Menschen werden nicht nur als unterschiedlich verstanden. Sie werden bestimmten Gruppen zugeordnet. Und diese Gruppen werden mit bestimmten Erfahrungen, Interessen, Perspektiven oder auch moralischen Eigenschaften verbunden. Die Sackgasse der Vielfalt. Was das nämlich konkret in uns bewirkt wird eine Frage sein, die uns im dritten Teil beschäftigt. Wenn aus Vielfalt Identität wird.



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