Teil 3: Psychotherapie bei Vielfalt - wenn Diversity krank macht
- vor 5 Tagen
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Wenn die Vielfalt zur Identität wird – Segen oder Fluch?
Menschsein heißt Dazugehören. Zugehörigkeit gibt Orientierung, Schutz und psychische Stabilität. Sie reduziert Komplexität und unterscheidet das „Wir“ von „den Anderen“. Das ist funktional, aber mitunter sehr ambivalent. Denn das, was Halt gibt, zieht gleichzeitig Grenzen.
Gerade in den gegenwärtigen Diskursen zeigen sich diese Doppelwertigkeiten. Für marginalisierte oder diskriminierte Menschen ist die Einordnung in eine Gruppe oft von großer Bedeutung. Sie bringt Sichtbarkeit, Machtlosigkeit wird benennbar, Solidarität kann entstehen. Zugehörigkeit ist so gesehen weit mehr als eine soziale Kategorie. Sie ist eine (de-)stabilisierende psychologische Erfahrung. Kann Halt geben, und gleichzeitig Enge erzeugen. Für junge Menschen, die auf der Suche sind, ist das bekanntlich von immenser Bedeutung. Eine passende Identität kann entlasten. Sie kann Stolz machen. Sie kann Selbstachtung wiederherstellen. Und sie kann ganz schnell kippen.
Denn je zentraler die Identität für das Selbstverständnis wird, desto höher kann ihr Preis werden. Wenn diese oder jene Zugehörigkeit zur Kernidentität wird, verwandelt sich Kritik schnell in einen Angriff auf das eigene Sein. Abweichende Meinungen gefährden dann nicht mehr bloß Argumente, sondern die eigene psychische (und soziale) Existenz. Es geht nicht mehr um eine Position. Es geht plötzlich nur mehr um die eigene moralische Selbstvergewisserung.
Aus gestalttheoretischer Sicht ist die Identität eine Frage der Wahrnehmungsordnung. Was ist Figur, was bleibt im Hintergrund? Die soziale Kategorie schafft Prägnanz und Klarheit. Doch je schärfer die Grenze gezogen wird, desto unsichtbarer kann das Individuum dahinter werden. Bis es im Hintergrund verschwindet. Das Paradoxe daran ist nun, dass Diversity Vielfalt sichtbar machen möchte. Wird die jeweilige Vielfalt jedoch absolut gesetzt, erstarren Menschen in Rollen – sei es als „die Betroffenen“ oder „die Privilegierten“. Ein Hang zu allzu überhöhten Identitäten eint gegenwärtig übrigens die Lager.
„Ich habe diese Erfahrung gemacht.“ reicht nicht mehr. „Ich bin diese Erfahrung!“ lautet die Parole. Damit gerät das Lebendige irgendwie aus dem Blick. Reale Machtstrukturen und Diskriminierungen existieren zweifelsohne. Aber der Mensch ist immer mehr als eine Kategorie. Menschen können gleichzeitig privilegiert und benachteiligt sein, Ohnmacht erfahren und selbst Grenzen verletzen.
Wenn die Vielfalt zur starren Identität wird, schlägt sie ins Gegenteil um: Sie öffnet keine Räume mehr, sondern zieht immer mehr neue Trennlinien. Innerpsychische Diversity-Kompetenz bedeutet Ambiguität aushalten zu können. Es wird aus starren Normen eine vielschichtige Kompetenz. Es sich zwischen den Stühlen bequem machen zu können. Zu wissen, wo ich heute stehe, ohne mich darauf reduzieren zu lassen. Und dem Gegenüber als Mensch zu begegnen, bevor die „richtige Schublade“ schon wieder griffbereit ist.
Wir können nämlich gleichzeitig in einer realen sozialen Ordnung leben und diese soziale Ordnung auf unsere ganz eigene Weise wahrnehmen. Und da entfaltet die Psychotherapie bei Vielfalt möglicherweise ihre Wirkungen. Nicht indem sie die gesellschaftlichen Verhältnisse wegtherapiert. Und auch nicht indem sie Menschen erklärt, ihre Wahrnehmungen sein bloß subjektiv. Sondern indem sie sich dafür interessiert, was ihre gesellschaftliche Realität aus den jeweiligen Menschen macht.
In sehr einfacher buddhistischer Weisheit ausgedrückt: „Die Welt ist wie sie ist, aber was das mit dir macht ist deine Entscheidung.“
Und was, wenn das nicht gelingt? Was, wenn unsere komplizierte Welt die menschliche Psyche dauerhaft und nachhaltig verunsichert?
Wir wissen es mittlerweile ja bereits. Das Problem ist nicht die Vielfalt allein. Das Problem ist die psychisch nicht integrierte Vielfalt! Doch dazu im vierten Teil dann.
