Teil 4: Psychotherapie bei Vielfalt – wenn Diversity krank macht
Die Tyrannei der Eindeutigkeit
Der Mensch ist an sich ein vielfältiges Wesen. Widersprüchlich. Nicht nur sozial, sondern auch innerpsychisch. Wir wollen Nähe und Freiheit. Wir können privilegiert und benachteiligt sein. Wir dürfen unsere Meinung ändern! Früher hieß das vielschichtig. Heute ist es zur psychischen Notlage erklärt worden. „Wer bist du wirklich?“
Und die Antworten sollen bitte eindeutig ausfallen. Wir sind angehalten gesellschaftliche Unterschiede zu feiern, und verlangen vom Einzelnen aber hohe Identitätskohärenz. Was für eine Paradoxie! Gesellschaftliche Polarisierung muss so beinahe zwangsläufig auch nach innen wandern. Darf ich das wollen? Bzw. denken? Was sagt das dann über mich aus? Aus Ambivalenz wurde Schuld. Aus Widerspruch wurde Identitätskrise. Aus Selbstreflexion wurde Selbstüberwachung.
Wer bist du wirklich? Hast du dich schon gefunden? Darauf soll es möglichst eindeutige und konsistente Antworten geben. Denn wir leben in einer Zeit permanenter Selbstbeschreibung. Wer bist du? Wofür stehst du? Welche Haltung hast du? Welcher Gruppe gehörst du an? Social Media verschärft diese Dynamik. Wir sollen lesbare Personen sein: möglichst eindeutig, möglichst konsistent, möglichst authentisch. Pop-psychologische Ratgeber helfen bei der Optimierung. Die menschliche Psyche ist aber kein Markenauftritt. Die moderne Psychokultur hat uns gelehrt, unsere inneren Anteile immer genauer zu identifizieren. Das kann hilfreich sein. Es kann aber auch einen eigentümlichen Effekt erzeugen. Die innere Vielfalt ist wie ein Managementproblem zu behandeln.
Und so wandert die gesellschaftliche Dynamik tiefer ins Innere. Unsere Welt organisiert sich über unzählige Gegensätze: richtig und falsch, privilegiert und benachteiligt, Täter und Opfer, progressiv und reaktionär, links und rechts, männlich und weiblich. Und irgendwann haben wir begonnen, diese Gegensätze in uns selbst zu verurteilen. Aus gestalttheoretischer Perspektive sind wir keine statischen, homogenen Einheiten, sondern dynamische Ganzheiten. Unterschiedliche Bedürfnisse, Erfahrungen, Rollen und Selbstbilder werden je nach Situation zur Figur und treten wieder in den Hintergrund. Was heute für mich wichtig ist, bedeutet nicht, dass es mich vollständig und für immer ausmacht.
Psychische Integration bedeutet nämlich nicht, innere Gegensätze aufzulösen. Ich bin nicht trotz meiner Widersprüche eine Person. Ich bin auch durch sie eine Person. Die große psychische Herausforderung unserer Zeit? Wir sind dazu angehalten, Vielfalt zwischen Menschen anzuerkennen. Haben wir aber gelernt, diese Vielfalt in uns selbst auszuhalten?
Wer das nicht gut schafft, wird möglicherweise empfänglich für jene, die diese Bürde gern abnehmen. Die neuen alten Rattenfänger versprechen: Du musst nicht mehr zweifeln. Du musst nicht mehr widersprüchlich sein. Du bist einer von uns. Die anderen sind das Problem. Und plötzlich wird aus der quälenden inneren Vielfalt eine angenehmere Welt: Wir sind gegen die. Gut gegen Böse. Wahrheit gegen Lüge. Das ist psychisch ausgesprochen entlastend. Sie verkaufen aber nicht nur ihre bestimmte - wahre - Weltanschauung. Sie versprechen Gewissheit. Und psychische Entlastung. Ist das die ersehnte Reife? Integration bedeutet nicht Vereinheitlichung. Sondern vielmehr, dass wir schlichtweg nicht eindeutig sein müssen. So betrachtet wird aus dem „politischen“ Begriff der „Identitären“ eigentlich ein Psychogramm.
Richard Ashcroft (The Verve) hatte mit seiner Bitter Sweet Symphony vor fast dreißig Jahren eine Antwort auf unser heutiges Identitätsdilemma. “And I'm a million different people from one day to the next. I can change, I can change.”
Ich muss nicht jeden Tag derselbe sein, um ein vollständiger Mensch zu bleiben. Was für eine tröstliche Verdichtung der obigen These. Die menschliche Identität ist nämlich kein starres, konsistentes Etwas, sondern ein permanent Veränderliches, Widersprüchliches, Prozesshaftes. Und deshalb arbeite ich an der Psychotherapie bei Vielfalt. Die innere Tyrannei der Eindeutigkeit ist noch nicht das Ende der Geschichte. Mehr dazu im Teil 5 nächstes Mal.
