Teil 5: Psychotherapie bei Vielfalt – wenn Diversity krank macht
Die Angst vor der Freiheit und warum wir die Eindeutigkeit so lieben
Die neuen alten Rattenfänger versprechen wirklich viel. Du musst nicht mehr zweifeln, nicht mehr abwägen und nicht mehr mit Widersprüchen leben. Es gibt einfache Antworten, eindeutige Zugehörigkeit und Menschen, die genau wissen, was richtig und was falsch ist. Das Angebot ist offensichtlich verführerisch. Die Vielfalt eröffnet prinzipiell Handlungsspielräume, nimmt uns aber auch Gewissheiten. Sie konfrontiert uns mit Unsicherheiten, widersprüchlichen Erwartungen und der Notwendigkeit, Entscheidungen zumeist ohne vollständiges Wissen zu treffen. Die Freiheit ist eine große Chance und Bürde gleichermaßen. Warum fällt es so schwer, Offenheit auszuhalten? Was geschieht innerpsychisch, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit in den Wunsch umschlägt, Mehrdeutigkeiten zu tilgen?
Entlastung durch Eindeutigkeit
Der Sozialpsychologe Arie W. Kruglanski hat mit dem Konzept des Need for Cognitive Closure, dem Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit, untersucht, wie Menschen Unsicherheit und Mehrdeutigkeit reduzieren. Unter Stress, Zeitdruck oder Überforderung verstärkt sich dieses Bedürfnis. Kruglanski unterscheidet zwei Tendenzen: Urgency (Dringlichkeitstendenz) beschreibt den Wunsch, möglichst rasch zu einer Schlussfolgerung zu gelangen. Permanence (Beständigkeitstendenz) bezeichnet das Bestreben, an dieser einmal gefundenen Antwort festzuhalten. Wir wollen nicht nur schnell Klarheit – wir wollen sie anschließend ungern wieder infrage stellen.
Das ist keineswegs grundsätzlich problematisch. Ohne die Fähigkeit zur Vereinfachung und vorläufigen Gewissheiten wären wir kaum handlungsfähig. Kritisch wird es, wenn die Entlastung durch Gewissheit wichtiger wird als die Aufnahme neuer Informationen. Eine plausible Erklärung wird dann zur einzig zulässigen Wahrheit, und Widersprüche erscheinen nicht mehr als Aspekte der Realität, sondern als zu beseitigende Störungen. Eindeutigkeit schafft Ordnung, verengt aber die Wahrnehmung.
Wenn die Figur für das Ganze gehalten wird
Aus gestalttheoretischer Perspektive lässt sich diese Dynamik gut erklären. Die menschliche Wahrnehmung erfasst nie die gesamte Wirklichkeit. Aus dem Erlebten tritt stets ein bestimmter Aspekt als Figur hervor, während der Rest in den Grund (den Hintergrund) rückt. Diese Trennung ist notwendig, um auszuwählen, zu gewichten und uns zu orientieren. Das, was im Vordergrund steht, ist jedoch wiederum nicht die ganze Realität. Eine Erfahrung kann prägend sein, ohne alles zu erklären. Eine Zugehörigkeit kann bedeutsam sein, ohne die gesamte Person zu definieren. Eine Kategorie kann etwas sichtbar machen und zugleich anderes verdecken.
Wo Mehrdeutigkeit schwer auszuhalten ist, entsteht der Drang, eine einmal ausgebildete Figur starr festzuhalten. Es darf nichts mehr in den Hintergrund treten, selbst wenn neue Erfahrungen Anlass für eine Perspektivenänderung böten. Die Welt wird übersichtlicher, aber auch flacher.
Die innere Vielfalt aushalten
Diese Dynamik betrifft nun nicht nur den Blick auf die Welt, sondern auch das Verhältnis zu uns selbst. Die Gestaltpsychologin Mary Henle beschrieb das Selbst als ein organisiertes System unterschiedlicher, miteinander verbundener Funktionen. Psychische Ganzheit bedeutet demnach nicht starre Einheitlichkeit. Spannungen und innere Widersprüche gehören zum Erleben und sind nicht per se Zeichen einer psychischen Störung. Zwar können innere Konflikte quälend sein und die Handlungsfähigkeit beeinträchtigen, doch die Lösung kann nicht darin bestehen, eine Seite zum Sieger zu erklären und die andere auszulöschen. Wenn ein einzelner Aspekt des Selbst zur allein gültigen Bestimmung erhoben wird, wird aus diesem Teil bloß vermeintlich das Ganze. Die innere Vielfalt erscheint dann nicht mehr als Entfaltungsmöglichkeit, sondern als Bedrohung der eigenen Ordnung.
Identität: Orientierung oder Begrenzung?
Identitäten geben zweifelsohne Orientierung. Sie ermöglichen Zugehörigkeit und helfen, Erfahrungen benennbar zu machen. Besonders für Menschen, die Diskriminierung erfahren. Das Problem entsteht nicht durch das Entwickeln einer Identität oder das Gefühl der Zugehörigkeit. Problematisch wird es, wo die Kategorie den Anspruch erhebt, den Menschen vollständig zu erklären – oder wo die Person glaubt, widersprüchliche Erfahrungen tilgen zu müssen, um ein stimmiges Selbstbild zu erlangen.
Eine Identität darf bedeutsam sein, ohne alles andere zu überstrahlen. Gesellschaftliche Kategorien helfen zweifelsohne, Unterschiede sichtbar zu machen. Sie ersetzen jedoch nicht die Aufgabe, Erfahrungen zu verarbeiten und sich mit anderen Aspekten des Lebens dennoch zu verbinden. Die Anerkennung von Vielfalt zeigt sich darin, Menschen zuzugestehen, komplexer und widersprüchlicher zu sein als jede einzelne Kategorisierung.
Die Freiheit, nicht endgültig festgelegt zu sein
Psychische gute Gesundheit muss nicht auf eindeutige, sogenannte Gestaltbildungen verzichten. Wir brauchen stets Orientierung und vorläufige Gewissheiten. Entscheidend ist die Fähigkeit, die Gestalten verändern zu können. Was heute im Vordergrund steht, darf morgen in den Hintergrund rücken. In diesem Sinn ist die innere Vielfalt also nicht das Gegenteil von Gestaltbildung, sondern ihre Voraussetzung. Sie geht über die inneren Anteile hinaus. Höchst problematisch kann es werden, wenn eine letztgültige Gestalt dauerhaft alles überstrahlt und jede Veränderung als Gefahr erlebt wird.
Die Freiheit kennt die endgültigen, richtigen Antworten auch nicht. Sie warnt uns jedenfalls davor, sie für endgültig halten zu müssen. Wenn nun nicht nur Menschen nach Eindeutigkeit suchen, sondern auch die jeweiligen (therapeutischen) Konzepte, eindeutige Antworten versprechen? Zwischen gesellschaftlicher Beschreibung von Diversity und psychologischer Erklärung (der damit einhergehenden inneren Vielfalt) liegen meiner Ansicht nach momentan Welten. Aber dazu mehr im sechsten - und damit vorletzten Teil der Kolumne.
